das volksfest als volkstest

ich wohne jetzt in stammheim. nicht stuttgart, sondern köln. das ist jetzt nicht unbedingt zentral. im gegenteil, man hat das gefühl, als hätte irgendwann jemand im zuge der stadtvergrößerung ein “köln” vor den dorfnamen gesetzt. bevor die nachbarstadt leverkusen es tut. nennen wir es also stadtteil, obwohl es mit urbanem lebensgefühl nichts mehr zu tun hat. dafür mit ruhe, natur und dem rhein direkt vor der tür. und dörflichen gepflogenheiten, die man in der innenstadt nicht findet. mein einzug erfolgte pünktlich zu beginn des stammheimer schützenfests. was das bedeutet, wird mir gleich am ersten wochenende klar. innerhalb von 24 stunden zieht viermal der gleiche musikzug an meinem fenster vorbei. grundsätzlich kein problem. aber wenn das ganze sonntagsmorgens um 6.30 zum wecken passiert…wtf?

hoffe, dass derartige festivitäten hier nicht zu regelmäßig sind. dank edge-geschwindigkeit dauert die recherche des stammheimer jahresprogramms lange. sehr lange. bringt aber das erfreuliche ergebnis, dass dies im jahr wohl die einzige veranstaltung dieser art ist. also beschließe ich, im sinne der soziologischen feldforschung dem zapfenstreich und dem feuerwerk beizuwohnen. der erste programmpunkt ist bereits ein highlight. hier beginnen die grenzen zur deutschtümelei zu verschwimmen. zahlreiche schützen in grüner tracht und begleitung ihrer frauen, die sich styletechnisch bemüht zeigen singen gemeinsam mit dem rest der bewohner die nationalhymne. erstmal nichts gegen einzuwenden, sähe man nicht und da tränen echter ergriffenheit. schwanke zwischen unverständnis, linksradikalismus und amusement. egal, da mit war ja zu rechnen. während ein grün-weißer fackelzug die nächste sau durchs dorf treibt, näher ich mich dem bierzelt, um auf das feuerwerk zu warten. hier erwartet mich die volle bandbreite stammheim, bereits in einem zustand, der der veranstaltung und der uhrzeit entspricht. hier geben sich stadt und land mal garnichts: um 22 uhr sind die meisten voll. nicht nur mit kölsch und korn, sondern auch mit jeder menge dingen, die ihnen auf dem herzen liegen. so lerne ich innerhalb einer stunde und mithilfe von 10 kölsch, von denen ich nur eins bezahlt habe, ferdie, dieter, dat madeleine und franz mit ihrem seelenmüll kennen. ferdie versichert ganz stammheim, ist zweimal geschieden, hat drei kinder und eigentlich sowieso das herz von stammheim. sagt er. und madeleine sagt es auch. also das sie das herz ist. während die beiden sich böse anschweigen, schüttelt dieter mit dem kopf und erzählt, das er die hälfte von stammheim mitgebaut hat, aber das das nicht mehr sein stammheim ist. außerdem weiß ich jetzt, das ferdie und madeleine seit 20 jahren eine langzeit-affäre haben. währenddessen sucht franz, der mit mit letzter artikulationskraft erzählt hat, wie sehr er seinen vater hasst, bei dem er als dauer-hartz4ler wohnt, mit glasigen augen den gesprächsfaden. vergeblich. also greift er auf die nächstbeste alternative zurück. einen weiteren doppelten doppelkorn.

mich kennen die vier wahrscheinlich nur unter meinem, von ihnen häufig benutzten, pseudonym “bis ne liebe jung” und nach weiteren spendierten kölsch und mehr geschichten aus dem “veedel” weiß ich mehr über stammheim, als über die 80 leute mit denen ich die letzten sechs jahre in einem haus gewohnt habe. sowas führt bei mir früher oder später unausweislich zur sinnfrage: will ich das? feldforschung hin oder her. beschließe also, nach dem feuerwerk nach hause zu gehen. schließlich dauert das festchen noch eine ganze woche und man muss ja nicht immer alles gleich am ersten abend mitnehmen. das feuerwerk war übrigens wider erwarten ziemlich spektakulär, wenn auch die kapelle regelmäßig an ihren interpretationen von alten swing-klassikern gescheitert ist.

das es die richtige entscheidung war, sich zurückzuziehen, merke ich montags beim einkaufen. freundliche menschen die ich nicht kenne fragen mich, ob man sich abends auf dem festplatz sieht. ich denke nein. für mich ist das fest vorbei. zumindest bis zum sonntag drauf als die scheißkapelle schon wieder um 6:30 meinen schönheitsschlaf stört.

vielleicht hätte ich öfter hingehen sollen. hier schwingt die volksseele locker zwischen gemeinschaftssinn, lokalpatriotismus und mehr oder weniger latent vorhandenem rechtsrücken hin und her. aber das kann ich auch nächstes jahr weiter erforschen.

jetzt besorge ich mir erstmal einen mitgliedsantrag für den schützenverein.

 

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